„Das schlimmste Geräusch des Krieges sind die Angstschreie meiner Tochter.“

Natalya steht vor einem Bücherregal.

Fünf Uhr morgens. Explosionen zerreißen die Stille über Charkiv, einer Stadt im Osten der Ukraine. Natalya (45) erinnert sich an diesen Moment, als wäre er gestern gewesen. An das Grollen, die Erschütterung, den Rauch über den Dächern. Es war der Beginn eines neuen Lebensabschnitts: geprägt von Angst, Verlust und dem ständigen Grundrauschen des Krieges. Sie zeigt ein Video, aufgenommen aus dem Fenster ihrer Nachbarn: Qualm steigt aus mehreren Gebäuden, Menschen rennen, rufen, schreien. Mit aufgewühlter Stimme und lebhafter Gestik erzählt sie von jener Nacht, in der sie, ihr Mann und ihre damals siebenjährige Tochter Nastya beschlossen, alles zurückzulassen: „Es war schrecklich, sekündlich hörten wir neue Einschläge, überall war schwarzer Rauch zu sehen, Menschen, die panisch ihre Häuser verließen, die verzweifelten Schreie meiner kleinen Tochter.“

Wenn das Zuhause zum Angriffsziel wird

Ihr Zuhause in Nord-Saltivka, einem der am schwersten bombardierten Viertel von Charkiv, wurde über Nacht zur Gefahrenzone. Die Nähe zur russischen Grenze machte es zum Ziel. Orte, die früher Geborgenheit bedeuteten – Natalyas Wohnung, der Strilka-Park – sind heute für sie nur noch Erinnerungen. Zwar existieren sie noch, aber Natalya hat sie seit Kriegsbeginn aus Angst vor Angriffen nicht mehr besucht. Als der Beschuss immer heftiger wurde, blieb der Familie nur noch die Flucht. Stundenlang kämpften sie sich mit dem Auto durch überfüllte Straßen, vorbei an endlosen Schlangen vor Supermärkten und Tankstellen. Überall verzweifelte Menschen in Sorge, dass Nahrung und Treibstoff knapp werden könnten. Tausende versuchten in dieser Nacht zu entkommen. Einige waren zu Fuß unterwegs, klammerten sich an vorbeifahrende Autos. „Es war, als würde die ganze Stadt fliehen“, erinnert sich Natalya und kämpft mit den Tränen.

Natalya steht vor selbstgemalten Bildern.

Ein Jahr zwischen Koffern und Hoffnung

Die Familie floh hin zu dem Einzigen, was ihnen blieb: einem kleinen Gartenhaus in einem Dorf außerhalb der Stadt. Es war nie für ein dauerhaftes Leben gedacht, doch es wurde ihr neues Zuhause. Aus Wochen wurden Monate, dann ein Jahr. „Wir dachten, das ist nur vorübergehend. Aber irgendwann mussten wir akzeptieren, dass dies unser neues Zuhause ist“, sagt Natalya leise. Erst nach einem Jahr konnte die Familie sich dazu durchringen, Anschaffungen für das neue Zuhause zu machen. „Aber selbst heute noch fühlt sich jeder Kauf wie Verrat an unserem alten Leben an“, betont Natalya mit festem Gesichtsausdruck.

Nur ein einziges Mal, ein paar Wochen nach der Flucht, sah sie ihre alte Wohnung wieder. Für einen kurzen Moment kehrte sie zurück in ihr früheres Leben, in eines der vielen grauen Hochhäuser am Rand der Stadt. Sie wollte Kleidung, Dokumente und ein paar persönliche Gegenstände holen. Doch das Viertel, das einst ihr Zuhause war, wirkte fremd. Leer. Verlassen. „Sogar die Wohnung roch anders als sonst. Als hätte es unser Leben dort nie gegeben.“ Inzwischen sind viele Bekannte nach Charkiv zurückgekehrt. So auch Natalyas Schwester. „Sie kann mit den Geräuschen leben. Mit dem ständigen Luftalarm, den Sirenen, dem motorradähnlichen Knattern der Drohnen, den Schüssen des Abwehrsystems, dem Grollen der Artillerie in der Ferne. Mit den täglichen Angriffen. Ich nicht.“ Für Natalya sind diese Geräusche bis heute unerträglich.

Werkzeuge für ein Leben im Ausnahmezustand

In der Stille des Dorfes fand die Familie Zuflucht, doch die Angst blieb. Täglich suchte Natalya in Telegram-Gruppen und Nachrichtensendungen nach Informationen, nach einem Zeichen, dass der Krieg endet. Bis heute bietet die ländliche Lage keinen vollständigen Schutz: Immer wieder kommt es zu Drohnen- oder Raketenangriffen, auch hier. 

Natalya sitzt mit anderen Frauen an einem Tisch und bastelt.

Das Gartenhaus, in dem die Familie lebt, hat keinen Keller. Bei Luftalarm gibt es kaum Möglichkeiten, sich in Sicherheit zu bringen. „Man wartet einfach, bis der Angriff vorbei ist, und hofft, dass es einen nicht trifft“, sagt Natalya. Hinzu kommt: Seit einigen Jahren hat sie Probleme beim Laufen und ist auf einen Gehstock angewiesen. Im Ernstfall bleibt ihr kaum Zeit, um Schutz zu suchen. Die andauernde Belastung wurde immer schwerer zu ertragen. Erst die Teilnahme an psychologischen Gruppensitzungen, angeboten von der lokalen CARE-Partnerorganisation Green-Landia, brachte Veränderung. In den sogenannten „Safe Spaces“ – geschützten Räumen für Frauen – erhalten Betroffene psychologische Unterstützung, rechtliche Beratung und praktische Hilfe. „Ziel ist es, Frauen zu stärken und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, um ihren neuen Alltag zu bewältigen“, erklärt eine der Betreuerinnen.

Atmen gegen die Angst

„Am Anfang war ich skeptisch“, berichtet Natalya. „Aber schon nach der ersten Sitzung wusste ich: Das ist genau das, was ich brauche.“ Seit Kriegsbeginn leidet Natalya unter Panikattacken und einer Angststörung. Besonders der Luftalarm machte ihr lange zu schaffen. Das Heulen der Sirenen, das Surren der Drohnen, das dumpfe Grollen in der Ferne. Diese Klänge haben sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Die Psychologinnen zeigten ihr Atemtechniken, Yogaübungen und Wege, mit der Panik umzugehen, bevor sie sie überrollt. „Heute kann ich das Warngeräusch hören, ohne direkt Herzrasen oder schwitzige Hände zu bekommen“, sagt sie. „Ich verfolge die Telegram-Gruppen zwar noch, aber ich reagiere nicht mehr auf jeden Alarm wie früher.“ Dann hält sie kurz inne. „Aber gegen das schlimmste Geräusch hilft keine Technik der Welt: die Angstschreie meiner Tochter.“

Natalya steht hinter Sonnenblumen.

Wieder Raum für Leichtigkeit

Heute sind die Gruppensitzungen fester Bestandteil ihres Alltags. 90 Minuten Austausch, Kreativität und Entlastung vom Kriegsalltag. „Gestern sollten wir Blumen malen, die unseren Gemütszustand zeigen“, erzählt Natalya lachend. „Ich malte eine Sonnenblume – für Licht und Wärme und weil sie hier überall wachsen.“ Diese kleinen Momente der Leichtigkeit wären vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen. Bevor sie zu den Sitzungen kam, konnte Natalya nur Nachrichten schauen. Erst nach anderthalb Jahren wagte sie sich wieder an Unterhaltungssendungen. Auf ihre Lieblingsserie angesprochen, reagiert sie zögerlich: Es sei eine russische gewesen, aber die schaue sie heute nicht mehr. Stattdessen interessieren sie nun Filme mit psychologischen Themen. Komödien hingegen meidet sie bis heute, obwohl das vor dem Krieg ihr Lieblingsgenre war.

Auch Tochter Nastya besucht inzwischen die Kindersitzungen. „Sie ist fröhlicher geworden, offener.“ Doch auch bei der Zehnjährigen hat der Krieg Spuren hinterlassen. „Wenn es gewittert, bekommt sie Angst. Dann weint sie. Das bricht mir jedes Mal das Herz.“ Die psychologische Stabilisierung war für Natalya ein erster Schritt. Doch mit der Zeit wuchs in ihr der Wunsch, nicht nur Hilfe zu erhalten, sondern selbst aktiv zu werden – für sich, für ihre Tochter und für die Gemeinschaft.

Natalya steht neben einem CARE-Banner und formt mit ihren Fingern ein Herz.

„Ich kann etwas bewirken.“

Im Projekt Women Lead in Emergency, das in den Safe Spaces umgesetzt wird, arbeitet sie mit elf anderen Frauen aus ihrer Gemeinde zusammen. Ziel ist es, Frauen in Krisensituationen aktiv einzubeziehen und lokale Projekte zu entwickeln. „Wir überlegen gemeinsam, wie wir unsere Gemeinde stärken können, mit kleinen, aber wirkungsvollen Ideen“, sagt Natalya. Für sie ist das Projekt ein Wendepunkt. „Es tut gut, nicht nur Hilfe zu bekommen, sondern auch selbst etwas beizutragen.“ Aktuell hoffen die zwölf Frauen, bald ein Holzhäckselgerät anschaffen zu können, um Brennmaterial für den Winter selbst herzustellen. Die Idee haben sie bereits detailliert ausgearbeitet, einen Kosten-Nutzen-Plan erstellt und ihrer Betreuerin vorgestellt.

Die Treffen geben Natalya das Gefühl, wieder Einfluss nehmen zu können: auf ihr Leben, ihre Umgebung und die Zukunft ihrer Tochter. „Ich habe gelernt, dass ich etwas bewirken kann, auch wenn die Umstände schwierig sind.“

Natalya hat aus Rosen die Form der Ukraine gebastelt.

Leben mit den Geräuschen

Heute spricht Natalya offener über ihre Erfahrungen. Die Panik ist weniger geworden. Doch die Geräusche begleiten sie weiterhin. Ihr größter Wunsch bleibt: eines Tages zurückzukehren. In ihre Wohnung in Charkiv. In eine Stadt, in der nicht Drohnen den Himmel durchqueren, sondern Vögel. In der nicht Luftalarm die Stille zerreißt, sondern Kinderlachen. In der das Knattern eines Motorrads nicht mehr Angst auslöst, sondern einfach nur ein Geräusch von vielen ist.

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