In einem Hinterhof in Kiew sehe ich wie ein Kartoffelsack nach dem anderen auf einen großen Haufen zwischen Paletten geworfen wird. Ein paar Meter weiter stehen über dreißig Kisten mit Lauch. In der nächsten Ecke liegen Unmengen an Säcken mit Zwiebelknollen. Erstmal erscheint mir das nicht ungewöhnlich für den Hinterhof eines Cafés, bis auf die Mengen der Lebensmittel. Doch das Café hat geschlossen. Seit Beginn des Ukrainekrieges waren keine Gäste mehr da. Anstelle von Kaffee und Kuchen werden hier jeden Tag Mahlzeiten für die ukrainische Bevölkerung zubereitet. Hier und in 25 weiteren Restaurants in Kiew bereiten Freiwillige jeden Tag rund 11.000 Mahlzeiten zu. Diese werden von einem Netzwerk an Fahrer:innen, die sich über soziale Netzwerke organisieren, an Menschen in Not verteilt. „Wir sind eine Kriegsküche. Wir wissen nicht, was wir morgen kochen können, was für Lebensmittel wir bekommen, aber wir haben jetzt eine tägliche Routine“, erzählt Slava Balbek, 38, einer der Koordinatoren des Netzwerks.

CARE-Helferin Sarah Easter besucht ein Café in Kiew, das nun als Hauptquartier der Freiwilligen fungiert.
CARE-Helferin Sarah Easter besucht ein Café in Kiew, das seit Ausbruch des Krieges als Hauptquartier der Freiwilligen fungiert.

Das Café dient als Zentrale für etwa 500 Freiwillige und 100 Fahrer:innen, die sich zusammengeschlossen haben. Wo sonst Gäste ihre Kaffees schlürfen, sitzen junge Leute an ihren Laptops und Handys und organisieren sich. „Manchmal schreibt jemand in unserer Social-Media-Gruppe, dass er zwei Tonnen Kartoffeln hat, die abgeholt werden können. Restaurants haben uns ihre Türschlüssel gegeben. Wir können ihre Küchen und Kühlschränke nutzen“, so Slava, der eigentlich Architekt ist.

Für mich ist es zum einen Teil erschütternd, zu sehen, wie der Krieg Menschen aus ihrem Alltag und ihren Berufen reißt. Gleichzeitig ist es aber auch unglaublich, wie diese Menschen zusammenkommen und sich mit großem Durchhaltevermögen jeden Tag dafür einsetzen, so vielen Menschen wie möglich zu helfen.  

Vom Café fahren wir zu einem der Restaurants, welches seine Türen für die Freiwilligen geöffnet hat. Das Restaurant liegt im Kellergeschoss. Das passt gut, denn wir haben wieder Raketenalarm. Während im Hintergrund der Alarm heult, höre ich vor mir schon das geschäftige Treiben der Küche. Es riecht nach gekochten Kartoffeln. Nikita, 32, rührt in einem großen dampfenden Topf herum. „Mein Leben dreht sich jetzt fast nur noch ums Kartoffeln schälen. Ich habe am Anfang des Krieges überlegt, was ich tun kann. Ich kann kochen, also tue ich das jetzt“, erzählt Nikita.

Nikita rührt in einem großen Kochtopf.
„Ich habe am Anfang des Krieges überlegt, was ich tun kann. Ich kann kochen, also tue ich das jetzt“, sagt Nikita.

Slava und Nikita sind zwei von sehr vielen Freiwilligen, die jeden Tag Menschen in Not helfen. So auch Oleksii, den wir in einem kleinen überdachten Markt treffen. Durch kleine Seitenstraßen, die so von Schlaglöchern übersät sind, dass meine Notizen, die ich gerade aufschreibe, unlesbar werden, fahren wir zum Markt. Die Betreiber des Marktes haben Oleksii, der eigentlich Orthopäde ist, Teile ihrer Räumlichkeiten überlassen. Rund 50 Freiwillige sortieren hier Medikamente, Konserven, Shampoos, Tierfutter, Sandsäcke, Toilettenpapier und viele weitere Dinge, die für den Alltag benötigt werden. „Am Anfang des Krieges, als alle Geschäfte noch geschlossen hatten, hatten viele Menschen nichts zu essen. Wir haben dann unsere Autos gepackt und aus dem Kofferraum heraus Essen verteilt. Bis zu 800 Menschen standen in der Schlange“, so Oleksii.

Während ich mir den Berg an Sandsäcken anschaue, kommen drei Frauen um die Tierfutterpalette herum und zeigen mir eine Liste mit Namen und Adressen. 166 Menschen stehen auf dieser Liste, das sind alles Menschen, die sie an ihren Wohnorten regelmäßig mit Medikamenten und Lebensmitteln versorgen. Die drei Frauen sind Fahrerinnen, vorher haben sie als Übersetzerin, Buchhalterin und Schneiderin gearbeitet. Neben einem Schaufenster mit bunter Kinderkleidung ist ein kleiner Raum mit zwei Laptops. „Manche kommen direkt hierher, um etwas abzuholen, andere, z.B. Ältere, die allein sind, beliefern wir. Wir nutzen Online-Tabellen, da kann jeder nachschauen, was wir gerade vorrätig haben. Es macht den Prozess einfacher“, so Oleksii.

Ein Haufen von Tüten und Kisten in einem Lagerhaus in Kiew, Ukraine.
Das BAPTA hilft 643 Einwohner:innen dauerhaft und täglich, darunter 70 Menschen mit Behinderungen.

Ob über Social Media oder Online-Dokumente, sei es als Architekt oder Buchhalterin, in der aktuellen Krise kommen die unterschiedlichsten Menschen mit kreativen und effizienten Methoden zusammen, um Menschen in Not zu helfen. Für mich ist es absolut inspirierend, zu sehen, wie Menschen in so kurzer Zeit ein ganzes Netzwerk an Freiwilligen ins Leben rufen. Die Solidarität dieser Menschen gibt mir Hoffnung. Ich wünsche mir sehr, dass all die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, bald wieder ihrem Alltag nachgehen können. Dass Slava wieder Räumlichkeiten designen, Oleksii wieder in einer Praxis arbeiten und die Fahrerinnen wieder übersetzen, Buch führen und Kleider nähen können.

Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in der Ukraine und unterstützen Sie Menschen wie Slava, Nikita und Oleksii mit Ihrer Spende!

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