Iryna hilft anderen Personen beim Gestalten von Kerzen.

In einem abgelegenen Ferienlager in den Wäldern der Ukraine haben Vertriebene aus verschiedenen Landesteilen Zuflucht und gegenseitige Unterstützung gefunden. Die Anlage, einst für Sommercamps von Schulkindern gedacht, stieß schnell an ihre Grenzen, als plötzlich rund 800 Geflüchtete untergebracht werden mussten. Trotz der beengten Verhältnisse und der knappen Versorgung entstand hier eine Gemeinschaft, die durch Zusammenhalt, Trost und Solidarität geprägt ist. Iryna kam im März 2022 mit ihrer Mutter und ihrem jugendlichen Sohn in die Notunterkunft. Als der Krieg eskalierte, ergriff sie die Hand ihres Sohnes, schnappte sich die Familienkatze und sprintete zum Auto. „Wir hatten nur Sekunden Zeit“, erinnert sie sich. „Der Beschuss war so heftig. Wir nahmen keine Kleidung mit, nur unsere Dokumente, eine Tasche, und rannten los.“

Leben unter schwierigen Bedingungen

In der Notunterkunft mussten sie oft mit kaltem Wasser duschen, wenn sie an der Reihe waren. Das Ferienlager verfügt nur über wenige sanitäre Einrichtungen und begrenzte Waschmöglichkeiten. „Es gibt eine Dusche für fünfzig Personen. Und nur 100 Liter heißes Wasser“, erzählt Iryna. „Bis man an der Reihe war, musste man meist kalt duschen. Oder gar nicht.“ Auch die einzige Waschmaschine teilen sich rund hundert Bewohner:innen. Mithilfe fester Zeitpläne versuchen sie, die knappen Ressourcen gerecht zu verteilen. Die Küche wird gemeinschaftlich genutzt. Im ersten Winter bauten die vertriebenen Familien in der Nähe von Dnipro eigenhändig eine provisorische Heizungsanlage, da die Unterkunft ursprünglich nicht für eine ganzjährige Nutzung vorgesehen war.

Iryna steht neben einer Kollegin, die telefoniert.
Iryna und eine Kollegin stehen vor einer Personengruppe.

An einem Ort, der einst von Ferienfreude und Unbeschwertheit geprägt war, kommen nun Menschen zusammen, die alles verloren haben. Doch das Zusammenleben gibt ihnen die Kraft, wieder an die Zukunft zu denken. „Wir kochen gemeinsam. Wir weinen gemeinsam. Wir unterstützen uns gegenseitig“, sagt Iryna. Die Bewohner:innen verlassen sich aufeinander, teilen Aufgaben und helfen besonders jenen, die dringend Unterstützung brauchen.

Iryna hält mit einer Kollegin eine Kiste in der Hand.

Unterstützung durch CARE-Partner

Iryna wandte sich an humanitäre Organisationen und bat um Unterstützung für das ehemalige Ferienlager, in dem sie und andere Vertriebene Zuflucht gefunden hatten. „Avalyst“, eine Partnerorganisation von CARE, reagierte auf ihren Hilferuf und schickte eine Mitarbeiterin. „Alle Kinder liefen ihr entgegen, um sie zu begrüßen“, erinnert sich Iryna. „Sie fragte mich: ‚Sind das alles Ihre Kinder?‘ Und ich lachte und sagte: „Ja, alle 180.“ Inzwischen kümmert sie sich auch beruflich um sie. Seit 2025 arbeitet Iryna als humanitäre Helferin im mobilen Team von „Avalyst“. Gemeinsam mit der Psychologin Tatiiana reist sie durch die Region und leitet psychosoziale Unterstützungsangebote, die Kunst, Gespräche und Bewältigungsstrategien miteinander verbinden. Einmal pro Woche kehrt sie in die Notunterkunft zurück, in der ihre Mutter und ihr inzwischen 18-jähriger Sohn noch immer leben.

Auch dort finden regelmäßig Treffen statt, bei denen die Bewohner:innen zusammenkommen und sich austauschen können. Iryna ist in ihrem Element. Sie trägt stets ein Erste-Hilfe-Set am Gürtel und weiß genau, wo sich der Schutzraum für Notfälle befindet. Die Teilnehmer:innen der heutigen Gruppe warten bereits auf sie. Das Thema lautet „Emotionen“. Sie werden gemeinsam über Gefühle sprechen und einen Kerzenworkshop machen. Iryna hat es geschafft, in der traumatischen Erfahrung ihrer Vertreibung einen Sinn zu finden und daraus eine neue berufliche Perspektive zu entwickeln. „Ich habe den Menschen im Camp versprochen, dass ich Hilfe organisieren werde“, sagt sie entschlossen. „Und das habe ich getan, und tue es immer noch.“ Sie bringt weiterhin Lebensmittel und Hygieneartikel in das ehemalige Ferienlager und verteilt sie an die Bedürftigsten.

Iryna hält ein erste Hilfe Set in der Hand.

Ein Symbol der Hoffnung

Für die Vertriebenen ist Iryna ein Symbol der Hoffnung, gerade weil sie selbst eine von ihnen ist. „Wenn ich all das überwinden kann – das Trauma, den Schmerz, die Flucht, den Verlust meines Jobs – dann können andere das auch“, sagt sie. Sie hat den Sprung geschafft: von einer Projektteilnehmerin, die selbst Unterstützung brauchte, hin zu einer humanitären Helferin. Das ist bemerkenswert, denn in der ganzen Ukraine suchen viele Frauen nach neuen Arbeitsmöglichkeiten, nachdem sie im Krieg alles verloren haben. „Ich sage den Menschen, dass es immer einen Ausweg gibt. Das schafft Vertrauen“, erklärt Iryna.

Die Unterstützung für die Notunterkunft wurde durch das Projekt „Förderung von Resilienz und Schutz durch umfassende Unterstützung für gefährdete Bevölkerungsgruppen in der Ostukraine“ ermöglichtDieses Projekt wird von International Partnerships Austria aus dem Auslandskatastrophenfonds finanziert.

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