In der humanitären Hilfe zu arbeiten erfordert Opferbereitschaft und große Ausdauer. Für viele Ukrainer:innen war der Krieg ein Auslöser, um in diesem Bereich aktiv zu werden. Doch für Irina Ozhehova gehörte ehrenamtliches Engagement schon immer zu ihrem Leben. Ihre gesamte Familie ist seit über 10 Jahren im ehrenamtlichen Dienst tätig und konnte schon vielen Menschen in verschiedenen Teilen des Landes helfen. Mittlerweile hat Irina ihr Engagement zum Beruf gemacht.

Irina sitzt in ihrem Büro und arbeitet an ihrem Laptop.
Von ihrem Büro aus plant Irina die nächsten Hilfseinsätze.

Irina selbst hat seit ihrer Kindheit einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und Interesse an der Hilfe von Mensch zu Mensch. Sie versteht was es bedeutet, das eigene Leben zu riskieren, um anderen zu helfen und besitzt die Fähigkeit, in Krisensituationen lösungsorientiert zu denken und andere zu motivieren. Seit Kurzem arbeitet sie bei CARE Ukraine und ist damit Teil von großen Hilfsprojekten, die viele Menschen erreichen. Ihre Motivation, sich CARE anzuschließen, beschreibt sie so:

„Vergleicht man 2014 und heute, so ist die Arbeit trotz ähnlicher Herausforderungen sehr unterschiedlich. Damals hatten wir fast keine internationale Unterstützung und der Krieg war selbst für Ukrainer:innen etwas Entferntes und Fremdes. Die Stadt Dnipro war bereits zum damaligen Zeitpunkt eine Transitstadt für Menschen, die aus der Kriegszone evakuiert wurden und wir mussten vieles selbst organisieren, mit nur einer kleinen Gruppe an Menschen, die die Notlage erkannt hatten. Jetzt haben wir zum Glück internationale Unterstützung und die Kapazität, umfassende Hilfe und Unterstützung für die Überlebenden bereitzustellen. Das ist es, was mich zu einer internationalen Organisation gezogen hat", erklärt Irina.

Irina steht vor einem Auto und gibt einem Mann Hilfsgüter.

Krieg und Ängste

Irina hat sich schon immer in ihrem Leben ehrenamtlich engagiert. Deshalb hat sie keine Sekunde gezögert, als sie vor der Frage stand, ob sie die Stadt Dnipro verlassen sollte oder bleibt, um bei der Evakuierung zu helfen. „Menschen zu helfen ist keine außergewöhnliche Leistung, es ist vielmehr eine Lebenseinstellung“, findet sie. Irina half schon in Bachmut, Rubischne, Lyssytschansk oder Sjewerodonezk. Dorthin zu kommen erfordert allerdings immer mehr Ressourcen und vor allem Zeit. Für eine Strecke, die zuvor innerhalb von 6,5 Stunden zurückgelegt werden konnte, müssen die Helfer:innen jetzt mindestens zwei Tage einplanen. Sie müssen Checkpoints überqueren und versuchen, kaputte Straßen zu umfahren. Doch auch das kann das Team nicht von ihrer Mission abhalten. „Manchmal müssen wir irgendwo auf dem Boden übernachten, aber auch das stehen wir durch. Wir bringen humanitäre Hilfe wie Medikamente, Hygieneartikel und Decken und nehmen oft Menschen mit, die nichts anders haben, als ein paar Sachen, die sie eilig während der Evakuierung eingepackt haben“, erzählt Irina. 

„Ich habe noch bei keinem Einsatz Angst verspürt“, führt Irina weiter aus. „Gelegentlich bekommen wir Schüsse oder Bombardierungen mit. Die Angst aber, die kommt erst später, wenn ich zu Hause bin und mir bewusst wird, wie gefährlich die Situation eigentlich war. Denn dann fängt man an zu reflektieren.“

Gesichter der Geretteten

In den ersten Jahren ihrer Arbeit hat Irina Hunderten geholfen. „Am Anfang habe ich mir alle Namen gemerkt und bin in Kontakt mit den Menschen geblieben. Jetzt sind es so viele, dass ich nur ein Kaleidoskop von Gesichtern in meinem Kopf habe. Dazu kommen die vielen Geschichten. Zum Beispiel die einer jungen Frau, die wir aus Sjewerodonezk gerettet haben. In der einen Hand hielt sie eine Tasche mit Kinderspielzeug, in der anderen eine Nähmaschine, die ihr später helfen sollte, etwas Geld zu verdienen. Ich erinnere mich an eine Familie, die mit uns aus den Trümmern ihres zerstörten Hauses rannte und nur ein paar Unterlagen und ihre Katze bei sich hatten. Oder als wir so viele Menschen evakuierten, dass wir viel zu wenig Platz hatten und alle auf Koffern sitzen mussten. Trotzdem haben wir es noch geschafft einen Fisch, einen Chinchilla und einen Schäferhund mitzunehmen.“ Irina ist stolz, dass sie allen die sie evakuierte, die Chance auf ein neues Leben gegeben hat.

In Dnipro hilft Irina den Geflüchteten sich einzuleben. Manche unterstützt sie bei der Suche nach einer Unterkunft, andere schickt sie ins Krankenhaus und wieder andere beschließen, weiter zu fahren in den Westen der Ukraine oder ins Ausland. „All diese Geschichten ziehen an mir vorüber. Deshalb habe ich angefangen eine Chronik zu schreiben, um meinen Kindern und Enkeln von diesem Krieg zu erzählen. Es geht um Menschen, nicht um Statistiken oder Nummern.“ Ein wenig bedauert Irina, dass sie nicht schon früher angefangen hat, die Chronik zu schreiben. Immer mehr verschwimmen die Geschichten und Namen der Menschen, vermischen sich mit anderen Geschichten und aus den Individuen wird ein großes Gesicht. Das Gesicht des Krieges.

Irina steht mit einer weiteren Helferin im Lager zwischen Kartons.

Irina macht weiter

„Durch den Krieg sieht man die wirklichen Eigenschaften der Menschen und was sie ausmacht. Selbst wenn man vorher nicht wusste, wer man ist; durch den Krieg weiß man es.“ Irina wusste schon lange, dass sie einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hat. Dieser wird jetzt zum Lackmustest ihrer Arbeit. 

Die Unterstützung ihrer Familie spielt für Irina ebenfalls eine wichtige Rolle, denn wenn man nicht weiß, was einen morgen erwartet, versucht man jede Sekunde zu genießen. Und wenn die Familie einen versteht und unterstützt, ist das unbezahlbar, sagt sie.

Irina hat ihren Platz gefunden. Gemeinsam mit CARE kann sie langfristige Projekte planen, die über die Evakuierungen hinaus gehen und auch finanzielle, psychologische oder rechtliche Hilfe beinhalten. Das macht sie glücklich, auch im Angesicht des Krieges. 

Menschen wie Irina sind Beispiele dafür, dass die Arbeit in der humanitären Hilfe nicht nur Berufe sind. Es sind Lebenseinstellungen. Sie helfen, das Gute in der Welt zu bewahren.

Bitte unterstützen Sie die Arbeit von Menschen wie Irina mit Ihrer Spende!

JETZT SPENDEN