Kosovo – ein kleines Land im Herzen des Balkans, mitten in Europa. Ein Land mit einer bewegten Vergangenheit: Ende der 1990er-Jahre brach hier ein Krieg aus, der Menschenleben forderte, Familien auseinanderriss und Hunderttausende zur Flucht zwang. Als der Krieg endete, kehrten viele zurück in ihre Heimat. Andere hatten sich im Ausland ein neues Leben aufgebaut – und doch blieb bei vielen die Sehnsucht nach Rückkehr bestehen. Kosovo zählt heute zu den wirtschaftlich schwächeren Ländern Europas. Aus diesem Grund verlassen nach wie vor immer wieder Menschen das Land, um im Ausland Geld zu verdienen und ihre Familien zu unterstützen.
Doch Kosovo ist viel mehr als nur seine Vergangenheit und die wirtschaftlichen Herausforderungen. Es ist auch ein Land des Wandels, geprägt von Menschen, die mutig neue Wege gehen. Eine besondere Rolle spielen dabei Frauen, die sich für Gleichberechtigung und Selbstständigkeit einsetzen. CARE ist seit über 30 Jahren im Balkan aktiv und begleitet diesen Prozess. Für Rückkehrerinnen und Frauen mit dem Traum vom eigenen Unternehmen im Kosovo schaffen wir neue Perspektiven, eröffnen Wege in die wirtschaftliche Unabhängigkeit und geben Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Möglich wird dies durch die enge Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen im Kosovo. Sie stehen den Frauen zur Seite, begleiten sie Schritt für Schritt, unterstützen beim Aufbau kleiner Unternehmen und beim Knüpfen starker Netzwerke.
Zwei dieser Partnerorganisationen, Kosova - Women 4 Women und Civil Rights Program Kosovo, möchten wir hier vorstellen.
Frauen stärken & vernetzen: Kosova - Women 4 Women

Schon beim Betreten des Bürogebäudes der CARE-Partnerorganisation Kosova - Women 4 Women (K-W4W) in Pristina spürt man, dass dies ein besonderer Ort ist. In jeder Ecke finden sich liebevoll gestaltete Arbeiten, die Teilnehmerinnen unterschiedlicher Projekte mit viel Hingabe hergestellt haben. An den Wänden hängen farbenfrohe Gemälde, auf den Regalen liegen handgenähte Taschen, Kissen und kleine Accessoires. Hier arbeitet auch Iliriana Gashi, die Direktorin der Organisation. Seit vielen Jahren begleitet sie Projekte, die Frauen im Kosovo stärken. Eines davon ist das erfolgreiche IWKA-Projekt („Including Women in Kosovo’s Agribusiness"), das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) finanziell gefördert wird. Es bindet Frauen aktiv in die kosovarische Landwirtschaft ein und eröffnet ihnen neue Chancen. „Durch das Projekt möchten wir die Lebensbedingungen sowie die wirtschaftliche und soziale Situation von armutsgefährdeten Frauen und Rückkehrerinnen nachhaltig verbessern“, erklärt Iliriana.
Insgesamt 93 Frauen nehmen am Projekt teil. In regelmäßigen Treffen und Workshops erwerben sie neues Wissen, um ihre landwirtschaftlichen Betriebe weiterzuentwickeln. Manche spezialisieren sich auf den Anbau von Obst, Gemüse oder Heilkräutern, andere auf die Herstellung von Milchprodukten oder den Aufbau einer eigenen Imkerei. Auch Betriebswirtschaft, Marketing und Verwaltung sind wichtige Inhalte. Schritt für Schritt erwerben sie so das Wissen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen oder einen bestehenden Betrieb weiterzuentwickeln. „Unser Hauptziel ist es, dass Frauen in der Landwirtschaft am Ende ein besseres Leben führen können“, sagt Iliriana.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor für die gegründeten Unternehmen ist die Vernetzung der Frauen untereinander. „Die Gemeinden und Ländereien sind klein. Zwar gibt es nationale und internationale Partner, die Interesse an den Produkten der Frauen haben. Doch wenn nur in kleinen Mengen produziert wird, ist es schwer, stabile Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Arbeiten die Frauen dagegen gemeinsam, steigen die Chancen, ihre Produkte erfolgreich zu verkaufen“, erklärt Iliriana. Viele der neuen Betriebe haben sich inzwischen zu Familienunternehmen entwickelt, in die auch Partner, Kinder oder weitere Verwandte eingebunden sind.

Unter den Teilnehmerinnen sind zahlreiche Frauen mit bewegenden Biografien – darunter auch jene, die während des Krieges fliehen mussten oder aus anderen Gründen das Land verlassen hatten. Für ihre Familien bedeutete ein Neuanfang im Kosovo oft eine große Umstellung, da sie zuvor andere Schulen, Städte und Gemeinschaften kennengelernt haben. Im Projekt ist es daher besonders wichtig, ihnen zu zeigen, dass es im Kosovo Chancen für ihre Zukunft gibt und dass auch das Land, aus dem sie zurückgekehrt sind, ein Teil ihres Lebens bleibt. „Wir möchten, dass die Frauen im Projekt zu Akteurinnen des Wandels werden. Ich wünsche mir, dass unser Land Raum für Frauen bietet – in der Wirtschaft, in der Politik, in allen Bereichen. Dass es ein Umfeld gibt, in dem Frauen ihre Produkte verkaufen, ihr Geschäft ausbauen, ihr Netzwerk vergrößern und vielleicht sogar ihr Unternehmen internationalisieren können“, sagt Iliriana.
Integration & Rechtshilfe: Civil Rights Program Kosovo

Auch Memli Ymeri begleitet in seiner Arbeit viele Menschen mit bewegenden Lebensgeschichten. Der Rechtsanwalt arbeitet bereits seit 2005 bei der CARE-Partnerorganisation Civil Rights Program Kosovo (CRP/K) und übernahm 2024 deren Leitung. Die Organisation unterstützt Rückkehrer:innen, Asylsuchende, Binnenvertriebene, Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus und andere, die unter den Schutz von UNHCR fallen. „Wir möchten, dass alle Menschen gut in die kosovarische Gesellschaft integriert werden“, sagt Memli.
Um das zu erreichen, bietet CRP/K kostenlose Rechtshilfe an – sowohl für Asylsuchende als auch für Rückkehrer:innen. Gemeinsam mit den lokalen Behörden analysiert das Team von CRP/K die Situation jeder Familie und entwickelt daraufhin einen individuellen Plan, der den Einstieg in ein neues Leben erleichtert.
„Die größte Herausforderung für Rückkehrer:innen ist, dass sie auf das Leben im Kosovo kaum vorbereitet sind“, erklärt Memli. „Viele haben lange in Deutschland oder anderen EU-Ländern gelebt und finden sich hier plötzlich in einer völlig anderen Gesellschaft, Kultur und Umgebung wieder.“ Der wichtigste Schritt für eine Reintegration, ist ein Arbeitsplatz. Genau hier setzen Memli Ymeri und seine Kolleg:innen an: Sie unterstützen die Rückkehrer:innen dabei, Arbeit zu finden und damit eine wirtschaftliche Grundlage aufzubauen. Denn ohne Einkommen und stabile Perspektiven ist es schwer, im Kosovo neu anzufangen – und das Risiko wächst, dass Familien das Land erneut verlassen.
Frauen im Kosovo zu ihrem Recht verhelfen
Vor allem Frauen, die mit ihren Kindern zurückkehren, stehen vor großen Herausforderungen. CRP/K hilft ihnen bei der Wohnungssuche und dabei, ihre Kinder in der Schule anzumelden. Gleichzeitig werden die Frauen ermutigt, ihre eigenen Wege zu gehen: Das Team von Memli Ymeri begleitet sie bei Bewerbungen und bei der Gründung eines eigenen Unternehmens. Gerade bei letzterem spielt rechtliche Unterstützung eine zentrale Rolle. Den Frauen steht zwar häufig Land zur Verfügung, das sie für einen Geschäftsplan einbringen könnten, doch nicht selten sind rechtlich ihre Väter, Brüder oder andere Verwandte die Eigentümer. Die erfahrenen Anwältinnen und Anwälte von CRP/K bereiten daher für die Frauen die notwendigen Unterlagen für die Unternehmensgründung vor, übernehmen Behördengänge und Notartermine und vertreten die Frauen, wenn nötig, auch vor Gericht.



Doch um diese wichtige Arbeit fortsetzen zu können, braucht es finanzielle Unterstützung. In diesem Jahr sieht sich CRP/K – wie viele Organisationen weltweit – mit den Folgen drastischer Mittelkürzungen durch die USA konfrontiert. „Viele Programme, die Frauen beim Zugang zu Startkapital unterstützen, mussten bereits gekürzt werden.Doch gerade diese Mittel entscheiden oft darüber, ob Frauen im Kosovo eine Zukunft aufbauen können. Wenn auch staatliche Behörden und andere Organisationen weniger Ressourcen haben, wird die Situation für die Frauen noch schwieriger“, warnt Memli.
Der unermüdliche Einsatz von Iliriana, Memli und ihren Teams macht deutlich: Wenn Frauen im Kosovo die richtige Unterstützung erhalten, entstehen neue Chancen – für sie selbst, ihre Familien und ihre Gemeinschaften. Jede Hilfe, die in ihre Zukunft fließt, ist zugleich eine Investition in Frieden, Stabilität und die nachhaltige Entwicklung des Landes.

































































































