Das Handy bleibt in Elianes Hand, auch als sie eine weitere schwarze Tragetasche von der Ladefläche eines Lastwagens hebt. Alle paar Minuten leuchtet es auf. Sie beantwortet die Frage eines Kollegen. Eine Projektteilnehmerin braucht Hilfe. Der Lieferwagen muss umparken. Irgendwo über ihr durchdringt das vertraute tiefe Summen einer Drohne die feuchte Luft von Beirut. Eliane schaut nicht auf. Es gibt Arbeit zu erledigen.
Als Managerin für Gender und Protection bei CARE International im Libanon leitet sie heute die Verteilung von „Dignity-Sets“ im Stadtgebiet von Beirut. Der ausgewählte Platz ist von Hochhäusern umgeben, von denen einige noch immer die Spuren der Luftangriffe zu Beginn dieses Jahres tragen. Sechs weiße Pop-up-Pavillons stehen im Kreis und enden an einem Lkw, der mit schwarzen Säcken beladen ist, in denen sich die CARE-Pakete befinden – gefüllt mit Damenbinden, Shampoo, Zahnpasta, Handtüchern, Taschenlampen, Trillerpfeifen, Wärmflaschen und anderen wichtigen Dingen des täglichen Bedarfs.

Die Frauen gehen von einer Station zur nächsten. Zunächst erfolgt die Registrierung. Dann folgen Informationen und eine Aufklärungsveranstaltung zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt. Sie erhalten Flyer mit Kontaktdaten von Hilfsdiensten, bevor sie sich die Säcke über die Schultern legen und sie dorthin tragen, wo gerade ihr Zuhause ist. Entweder in eine viel zu teure Mietwohnung. Oder in ein überfülltes Familienhaus. Auf den Rücksitz ihres am Straßenrand geparkten Autos. Oder in eine informelle Notunterkunft mit aufgeschlagenen Zelten.
Für Eliane sind diese Verteilungen von Dignity Kits ein wesentlicher Bestandteil jeder Nothilfe. „Dieser Konflikt hat viele Frauen vertrieben, die nicht einmal eine Tasche gepackt haben. In Notsituationen liegt die Priorität oft bei Nahrung, Wasser und Unterkunft, doch solche lebenswichtigen Dinge werden häufig vergessen. Das kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen für Frauen und Mädchen haben.“ Heute erhalten 500 Vertriebene Dignity Kits. Sie treffen den ganzen Tag über in kleinen Gruppen ein, viele von ihnen stammen aus dem Südlibanon oder den südlichen Vororten von Beirut, wo es aufgrund von Luftangriffen zu gefährlich geworden ist, zu bleiben oder dorthin zurückzukehren.

Hilfe leisten unter extremen Bedingungen
Gegen Mittag lastet die Hitze schwer über dem Platz. Eliane scheint überall gleichzeitig zu sein: Sie löst Probleme, beantwortet Fragen, verteilt Pakete oder füllt Formulare aus.

„Eine Verteilung wie diese erfordert eine intensive Koordination mit allen beteiligten Parteien, wie der Abteilung für Katastrophenvorsorge, der Stadtverwaltung und anderen Organisationen, um Doppelarbeit zu vermeiden und die Gebiete, in denen wir tätig sind, ausgewogen zu verteilen, damit wir so viele Menschen wie möglich erreichen können.“ Doch die Logistik ist nur ein Teil der Arbeit. „Als Humanitäre arbeiten wir in einem Umfeld, in dem wir selbst betroffen sind. Wir haben Mitarbeitende, die vertrieben wurden oder sich Sorgen um Familienangehörige machen.“ Der Konflikt im Libanon hat in wiederholten Wellen Hunderttausende Menschen vertrieben und Familien gezwungen, ohne große Vorwarnung zu fliehen, wenn Stadtteile angegriffen werden. Humanitäre Helfer:innen leisten Hilfe, während sie selbst dieselbe Unsicherheit durchleben.
„Das ständige Summen der Drohnen, Tag und Nacht, begleitet jeden Teil meines Lebens. Es durchzieht alles, was ich tue, bei der Arbeit und außerhalb der Arbeit. Es ist eine ständige Stressquelle und eine unerbittliche Erinnerung daran, dass der Krieg immer noch da ist. Ich gehe zur Arbeit, erledige Besorgungen und gehe meinem Alltag nach, doch das Geräusch lässt mich nie los. Irgendwie – obwohl ich nicht genau weiß, wie ich es beschreiben soll – habe ich gelernt, damit zu leben“, sagt Eliane und hält inne, bevor sie fortfährt: „Die Überschallknalle von Kampfflugzeugen lösen noch stärkere Reaktionen aus als die Drohnen, besonders nachdem ich die Explosion im Hafen von Beirut miterlebt habe. Jeder Knall weckt Erinnerungen, die ich am liebsten hinter mir lassen würde. Und doch, trotz alledem, setzen meine Kolleg:innen und ich unsere Arbeit fort, weil wir wissen, dass jeder Vertriebene, dem wir begegnen, seine eigene Geschichte mit sich trägt und dringend Unterstützung braucht.“
Aber nicht nur bei der Arbeit setzt sie sich mit dem Konflikt auseinander. „Wenn der Arbeitstag endet und ich nach Hause gehe, hoffe ich mich auszuruhen und alles zu verarbeiten, was ich gesehen habe. Aber das schaffe ich nicht. Mein Kopf füllt sich mit endlosen Fragen, Sorgen und Erinnerungen. Selbst in den ruhigen Momenten lässt dich der Krieg nie wirklich los.“

Wer sind wir ohne Empathie?
Ein Tag hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Für mich war der beängstigendste Tag der 8. April dieses Jahres, als innerhalb von 10 Minuten mehr als 100 Bomben auf Beirut fielen.“ Sie erinnert sich, wie sie im CARE-Büro stand, während die Explosionen durch die Stadt hallten. „Wir haben sofort angefangen, uns nach unseren Familien, Freunden und Kollegen zu erkundigen, um sicherzugehen, dass sie in Sicherheit waren. Gleichzeitig versuchten wir zu verstehen, was gerade geschah, wo die Treffer gelandet waren und was das für die Menschen bedeuten würde, die wir unterstützen. In der humanitären Arbeit verändert jede Eskalation die Lage. Wir überlegten bereits, wo Bedarf entstehen würde, ob geplante Verteilungen noch möglich wären und wie wir unsere Maßnahmen anpassen müssten. Draußen war der Verkehr völlig zum Erliegen gekommen. Es war nicht sicher genug, um das Büro zu verlassen, also blieben wir dort. Wir verfolgten die Entwicklungen Minute für Minute und hofften, dass alle, die uns am Herzen lagen, in Sicherheit wären.“

Seitdem hat sie dieses Gefühl nie ganz losgelassen. „Ich bin mir immer bewusst, dass die nächste Bombe überall einschlagen könnte. Selbst während einer Verteilung kann sich die Lage schlagartig ändern. Wir bewerten ständig die Risiken und sind stets bereit, unsere Arbeit einzustellen und das Team bei Bedarf in Sicherheit zu bringen. Die Sicherheit sowohl unserer Kolleginnen und Kollegen als auch der Gemeinschaften, denen wir helfen, ist eine Verantwortung, die mir nie aus dem Kopf geht.“ Jeden Tag erzählen ihr Frauen, dass sie den Druck spüren, für ihre Kinder stark bleiben zu müssen. Ältere Menschen berichten von ihrer Flucht – nicht nur in diesem Konflikt, sondern auch in früheren Kriegen, die Jahrzehnte zurückliegen. Sie hat gelernt, diese Gespräche behutsam zu führen. „Sich diese Geschichten von Traumata anzuhören, daran gewöhnt man sich nie wirklich. Aber wer sind wir ohne unser Mitgefühl? Wenn wir abstumpfen, verlieren wir einen wesentlichen Teil unserer Menschlichkeit.“
„Das sind meine Leute"
Für Eliane war diese Krise nie weit entfernt. „Das sind meine Leute. Was sie durchgemacht haben, geht mir persönlich sehr nahe. Sie haben so viel Leid miterlebt, leben in ihren Autos und haben so viel verloren: ihre Angehörigen, ihre Häuser, alles, was sie besaßen und wofür sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben.“ Für Eliane ist es ihr Team, das sie vorantreibt. „Ich habe ein unglaubliches Team. Sie arbeiten so hart, und es hilft wirklich, dass wir gut miteinander kommunizieren. Wir fragen uns gegenseitig, was wir brauchen oder was wir füreinander tun können. Wir kümmern uns umeinander“, sagt sie, während gerade eine Kollegin von einer anderen Station herüberkommt und sie fragt, ob sie schon gegessen hat. Sie lacht. „Das Team ist fantastisch. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde. Wir haben gemeinsam viel durchgemacht und tun das immer noch jeden Tag. Aber mit ihnen kann ich mich diesen Herausforderungen und Strapazen stellen.“
Dann klingelt ihr Handy erneut. Eliane nimmt den Anruf entgegen, schnappt sich ein weiteres CARE Paket, während sie das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt hält, und setzt ihre Arbeit fort. Wie jeden Tag. Heute. Morgen. Nächste Woche. Denn auch wenn sie selbst betroffen ist, gibt es andere, die sie brauchen.








































































































































