Die Drohne ist immer zu hören. Manchmal klingt es, als würde sie direkt auf das Fenster meines Hotelzimmers zufliegen. Tag und Nacht surrt sie und erinnert ständig daran, dass ein aktiver Konflikt herrscht. Und doch geht das Leben weiter. Die Menschen gehen zur Arbeit, kochen, essen. Kinder hören Lieder, um die Geräusche des Krieges zu übertönen. Nachbarn lachen gemeinsam, während sie an einer CARE-Wasserstation ihre Behälter füllen. Aber alle lauschen dem Himmel und warten darauf, dass die nächste Bombe fällt.

Wir fahren von Beirut aus mit einem CARE-Verteilungskonvoi nach Süden auf einer Autobahn, die sich in einen Parkplatz verwandelt, wenn die Lage eskaliert. Die Menschen sitzen dort 48, manchmal sogar 72 Stunden fest. Ein Meer aus Autos. 

Familien teilen sich bewusst auf verschiedene Fahrzeuge auf, damit sie, falls das Schlimmste passiert, nicht alle gemeinsam sterben. Das wurde mir so nüchtern erzählt, wie eine logistische Einzelheit. Wie entscheidet man, wer mit wem mitfährt? Trennen sich Eltern, damit derjenige, der überlebt, die Kinder allein großziehen kann? Die meisten Familien, die sich auf dieser Straße vorwärts quälen, können nirgendwo hin. Am Ende wartet kein Hotel. Sie schlafen in ihren Autos, in Notunterkünften oder in Zelten am Strand. Sie wurden schon so oft vertrieben, dass es zur Routine geworden ist. 

Ein Gebäude wurde zerstört und Trümmer liegen auf dem Boden.

Weiter südlich leert sich die Straße und es wird still. Niemand ist draußen unterwegs. Die Familien bleiben zu Hause, mit gepackten Notfalltaschen in Reichweite. Die Geschäfte sind geschlossen, an den Türen kleben handgeschriebene Schilder, als würden die Besitzer erwarten, im nächsten Moment wieder öffnen zu können. Vor einem Shawarmaladen steht noch immer der Fleischspieß, doch er dreht sich nicht mehr. Hinter jeder Ecke steht ein weiteres zerstörtes Haus. Eine ausgebrannte Autowerkstatt. Eine leere Hülle dessen, wie das Leben hier früher einmal ausgesehen haben muss. Eingestürzte Etagen. Plastikplanen, die zerbrochene Fenster verdecken – das einzige Anzeichen dafür, dass vielleicht noch jemand darin wohnt. In der Ferne steigen zwei Rauchsäulen in den Himmel. Ich kann nicht sagen, ob jemand draußen kocht oder ob gerade ein weiterer Angriff stattgefunden hat. Im Südlibanon wird sogar Rauch zu einer Frage.

Ein gelbes Post-it für Lebensmittel

Unser CARE-Konvoi bewegt sich vorsichtig durch die Hügel. Sechs Fahrzeuge umgeben einen Lkw, der Lebensmittelpakete transportiert. Jede Bewegung wurde im Voraus koordiniert – Ankunft, Abfahrt, die Route. Nur so lassen sich Menschen, die Hilfe benötigen, sicher erreichen. Die heutige Verteilung findet auf einer Straße zwischen zwei Dörfern statt, damit Menschen aus beiden Gemeinden den Ort erreichen können, ohne weit fahren zu müssen. Sechzig Vertriebene kommen. Die Pakete wiegen 21 Kilo: Getreide, Nudeln, Öl, Thunfisch, Bohnen, Reis, Wasser, Tomatenkonserven. Genug, um eine fünfköpfige Familie zwei bis drei Wochen lang zu versorgen, solange die Märkte geschlossen bleiben. Die meisten Menschen handeln zügig: Sie melden sich unter einem provisorischen Pavillon an, holen ihr Paket ab und gehen sofort wieder, um jede Minute fern von ihren Häusern und ihren gepackten Taschen so kurz wie möglich zu halten.

Ein Junge läuft vor einem mit Hilfsgütern beladenen Lkw.

Außer Nada. Sie bewegt sich langsamer als die anderen und rückt ihre Brille zurecht, während sie wartet. „Mir fehlen die Worte, um meine Gefühle zu beschreiben“, erzählt sie uns. Ihr Mann kam bei einem Luftangriff ums Leben. Ihre zwölfjährige Tochter nimmt mittlerweile Antidepressiva, ihr Körper bricht unter dem Stress des Lebens im Krieg zusammen. „Ich versuche, meine Gefühle zu verdrängen, da sie im Moment keine Priorität haben. Ich muss mich um meine Tochter kümmern und versuchen, ihr das Leben zu erleichtern.“ Als die Eskalation begann, flohen sie nach Beirut, doch die Miete – mindestens 1.200 Dollar im Monat, drei Monate im Voraus zu zahlen, ohne Wasser und Strom – wurde unerschwinglich. Also kehrten sie in den Süden zurück und teilen sich nun eine günstigere Wohnung mit drei anderen Familien. „Es ist wirklich schwer, genug Essen für uns zu finden. Die Supermärkte sind alle geschlossen, und der nächste ist sehr weit weg. Außerdem hat er nicht immer genug für alle vorrätig.“ Sie lächelt erneut, reicht das gelbe Post-it, das sie bei der Registrierung erhalten hat, und ein CARE-Mitarbeiter hilft ihr, das schwere Paket zu tragen. 

Eine Person gibt eine Marke ab, um ein CARE-Paket abholen zu können.

Kann sich kein Butterbrot leisten

Eine Stunde später packt das Team zügig zusammen und hält sich dabei strikt an den Zeitplan. Der Pavillon wird zusammengeklappt. Die drei Stühle werden verstaut, und alle eilen zurück zu den Autos, um das nächste Dorf zu erreichen. An einer nahegelegenen CARE-Wasserstation, an der täglich 6.000 Liter Trinkwasser aus Grundwasser gefiltert werden, treffe ich Anwar, 56, einen pensionierten Vater von vier Kindern, der mittlerweile von 30 Prozent seiner Rente lebt. Er floh nach Beirut und kehrte aus demselben Grund zurück, aus dem alle zurückkommen: Er konnte es sich nicht leisten, dort zu bleiben. „Ich bin sehr angespannt und ständig auf in Bereitschaft“, sagt er. „Wir hören die Luftangriffe, und meine Kinder haben große Angst.“ Die wenigen geöffneten Geschäfte vor Ort führen weder Fleisch noch Käse, Obst oder Gemüse, da es keinen Strom für die Kühlung gibt und die Ladenbesitzer zu viel Angst haben, Waren einzulagern, die sie möglicherweise jeden Moment zurücklassen müssen. Anwar lebt auf gepackten Taschen: Gabeln, Teller, Tassen, Kleidung, Konserven für zehn Tage. „Ich muss das Geld sparen. Ich kann das nicht jedes Mal, wenn wir fliehen, neu kaufen.“ Er kann sich nicht einmal ein Butterbrot für seine Kinder leisten, also trägt er sein eigenes Essen mit, für den Fall, dass sie fliehen müssen. An der Wasserstelle ist er nicht allein. Auch andere aus dem Dorf sind gekommen, und während sie ihre Behälter füllen, lachen sie ein paar Minuten lang und necken sich gegenseitig. „Ich liebe mein Dorf“, sagt er. „Wir unterstützen uns gegenseitig. Wir sind wie eine Familie.“

Zwei Kinder sind in einem voll beladenen Auto.

Eine Sekunde, die ein Leben in zwei Teile teilt

Zurück in Beirut treffe ich im Büro einer CARE-Partnerorganisation Dana [1], 37, Mutter von drei Mädchen aus den südlichen Stadtteilen. Sie spricht leise, aber bestimmt. Sie hat keine Arbeit, da sie sich ganztägig um ihre mittlere Tochter kümmern muss, die eine geistige Behinderung hat. Sie nimmt an von CARE unterstützten psychologischen Beratungsgesprächen teil. „Ich habe jetzt wieder Hoffnung.“ Doch die Angst bleibt. „Wir hören jede Bombe, aber ich habe nicht die finanziellen Mittel, um zu fliehen. Wir haben keine Schutzräume. Es gibt keinen Ort, an dem wir uns verstecken können.“ Aus Angst bleiben ihre Töchter im Haus. Wenn sie gezwungen ist, sie allein zu lassen, um Essen zu besorgen, fragt sie sich immer: „Was, wenn es einen weiteren Luftangriff gibt? Was, wenn ich nicht nach Hause zurückkehren kann? Was, wenn mein Haus und meine Kinder nicht mehr da sind, wenn ich zurückkomme?“ Während der Luftangriffe spielen sie Musik. Ihre Jüngste hört immer wieder dasselbe Lied über ein Eichhörnchen, das an eine Tür klopft. Oder sie schauen sich Fitnessvideos an und machen die Bewegungen nach. „Aber das nimmt mir den Schrecken dieses Krieges nicht“, fügt Dana leise hinzu. Nichts kann das. 

Ein Mann füllt Zwiebelringe in einen großen Kochtopf.

Auf meiner Reise durch den Libanon bemerke ich, was Menschen außerhalb des Landes vielleicht nie zu sehen bekommen. Es gibt keine Luftschutzbunker. Keine Warnsirenen. Keine Hinweise, wohin man sich begeben soll. Die eigenen Augen und Ohren sind die einzige Warnung. Man hört die Bomben. Man sieht den Rauch. Und dann geht das Leben weiter. Das Geschirr muss gespült werden. Das Abendessen muss zubereitet werden. Die gepackten Koffer stehen an der Tür bereit. Das ist die Realität dieser Eskalation. Sie hat die Gewissheit des alltäglichen Lebens geraubt. Im Libanon liegt nur eine Sekunde zwischen dem Zubereiten des Mittagessens und dem Verlust des eigenen Zuhauses. Eine Sekunde zwischen dem Zubettbringen des Kindes und dem Einreihen in die Autoschlange, die nach Norden fährt. Eine Sekunde zwischen einer Zukunft und dem Transport des gesamten Hab und Guts in einer einzigen Tasche. Denn für Hunderttausende Menschen hier ist diese Tasche das Einzige, was ihnen noch an Sicherheit bleibt.

Ihre Spende unterstützt Familien im Libanon mit Nothilfe, zum Beispiel durch Lebensmittel und Trinkwasser.

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[1] Name aus Sicherheitsgründen geändert.