Ein Portrait von Hiba Jaber.

Hiba Jaber, CARE-Managerin für Gender und Protection im Libanon.


Aus Nabatieh im Südlibanon, Mutter von 2 Söhnen (3 & 11 Monate):

„Ich habe fünf Kriege miterlebt. Ich weiß, was Krieg ist. Ich weiß, was Vertreibung bedeutet. Ich weiß, was es heißt, alles zu verlieren. Meine früheste Erinnerung ist, wie mein Vater mich die Treppe hinunter in Sicherheit trug. Immer wenn Krieg herrschte, holte mein Vater die Matratzen auf den Flur und legte sie dicht nebeneinander. Wir schliefen als Familie zusammen.

Ich fühlte mich sicher, weil ich damals den Krieg noch nicht verstand. Heute bin ich selbst Mutter, und als Mutter kleiner Kinder lastet der Krieg noch schwerer auf mir. Ich versuche, meine eigenen Kinder vor derselben Realität zu schützen. Mein Dreijähriger hört die Bomben und sagt mir, es sei Donner, fragt aber, wo der Regen bleibt. Er ist zu jung, um zu verstehen, was Krieg ist. Ich hatte gehofft, meine Söhne würden eine unbeschwertere Kindheit haben als ich, denn Krieg hinterlässt Narben und einen tiefen Schmerz, den ich nicht beschreiben kann. Stattdessen wachsen sie mit denselben Geräuschen auf, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich kenne die Geräusche des Krieges. Ich kenne das Geräusch des Flugzeugs über mir, der Rakete, das Zischen durch die Luft, den Aufprall und die Stille, die darauf folgt. Als humanitäre Helferin begegne ich jeden Tag Familien, die dieselbe Angst in sich tragen wie meine eigene Familie. Anderen helfen zu können, nimmt mir das schlechte Gewissen, dass ich in Sicherheit bin und es mir gut geht. Ich tue, was ich kann, um den Menschen etwas zurückzugeben, die Hilfe brauchen. Aber es ist schwierig, weil ich diese Krise ebenfalls durchlebe. Meine Familie hat ihr Zuhause verloren, und ich weiß, wie es sich anfühlt, Angst davor zu haben, in seine Heimat zurückzukehren und diese Zerstörung zu sehen. Wir können Häuser wieder aufbauen und Straßen reparieren, aber der Krieg hinterlässt Narben, die viel schwerer zu heilen sind.“

Portraitaufnahme von CARE-Helferin Eliane.

Eliane Abi Sleiman, CARE-Managerin für Gender und Protection im Libanon:

„Als humanitäre Helfer:innen arbeiten wir in einem Bereich, in dem wir selbst betroffen sind. Wir haben Mitarbeitende, die vertrieben wurden oder sich Sorgen um ihre Familienangehörigen machen. Das ständige Summen der Drohnen, Tag und Nacht, begleitet jeden Aspekt meines Lebens. Es durchdringt alles, was ich tue, sowohl bei der Arbeit als auch in meiner Freizeit. Es ist eine ständige Stressquelle und eine unerbittliche Erinnerung daran, dass der Krieg immer noch andauert. 

Ich gehe zur Arbeit, erledige Besorgungen und gehe meinem Alltag nach, doch das Geräusch lässt mich nie los. Irgendwie – auch wenn ich nicht genau weiß, wie ich es beschreiben soll – habe ich gelernt, damit zu leben. Die Überschallknalle von Kampfflugzeugen lösen noch stärkere Reaktionen aus als die Drohnen, besonders nachdem ich die Explosion im Hafen von Beirut miterlebt habe. Jeder Knall weckt Erinnerungen, die ich am liebsten hinter mir lassen würde. Wenn der Arbeitstag endet und ich nach Hause gehe, in der Hoffnung, mich auszuruhen und alles zu verarbeiten, was ich miterlebt habe, gelingt mir das nicht – mein Kopf füllt sich mit endlosen Fragen, Sorgen und Erinnerungen. Selbst in den stillen Momenten lässt dich der Krieg nie wirklich los. Selbst die Stille fühlt sich gefährlich an. Ich zögere, meine Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung aufzusetzen, um die Kriegsgeräusche auszublenden, denn ich muss wissen, ob in meiner Nähe etwas passiert. Jeden Tag höre ich Frauen zu, die versuchen, für ihre Kinder stark zu bleiben, und älteren Menschen, die das Trauma früherer Kriege erneut durchleben. Ich habe gelernt, diese Gespräche behutsam zu führen. Sich diese Geschichten von Traumata anzuhören, ist etwas, an das man sich nie wirklich gewöhnen kann. Aber wer sind wir ohne unser Mitgefühl? Wenn wir abstumpfen, verlieren wir einen wesentlichen Teil unserer Menschlichkeit. Das sind meine Leute. Deshalb sind wir jeden Tag wieder da.“

Ein Portrait von Sarah Easter.

Sarah Easter, Krisenreporterin bei CARE Deutschland und CARE Österreich

besuchte den Libanon vom 12. - 18. Juli:

„Die humanitäre Krise im Libanon lässt sich nicht nur an der Zahl der Vertriebenen oder der zerstörten Häuser messen. Sie zeigt sich in den unmöglichen Entscheidungen, zu denen Familien jeden Tag gezwungen sind.

Ich habe Familien getroffen, die schon mehrfach vertrieben worden waren und nicht mehr wussten, wo sie leben sollten. Ich habe Eltern getroffen, die in unsichere Gebiete zurückkehrten, weil sie sich ihre Mieten einfach nicht mehr leisten konnten. Aber was mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist, waren die Geschichten, die die Menschen erzählten. Ich traf eine Mutter, die keine Zeit für ihre Gefühle hatte, weil ihr zu viel auf den Schultern lastete: Ihr Mann wurde bei einem Luftangriff getötet, und sie verdrängt ihre Trauer, weil ihre 12-jährige Tochter sie braucht. Ein Vater von vier Kindern schläft nicht mehr, ohne für den Fall einer erneuten Eskalation eine Tasche gepackt zu haben – gefüllt mit Tellern, Besteck und Essen für zehn Tage. Denn im Notfall könnte er seinen Kindern nicht einmal ein Sandwich kaufen. Eine Mutter aus Beirut traut sich kaum noch aus dem Haus, weil sie nicht weiß, ob sie lebend zurückkommt. Und eine CARE-Mitarbeiterin, die selbst fünf Kriege durchlebt hat, beschreibt das Geräusch von Bomben nicht als Lärm, sondern als Stimmen, die sie nur allzu gut kennt: das Flugzeug, die Rakete, das Zischen, der Aufprall, das Echo, das einstürzende Haus. Ihre früheste Kindheitserinnerung ist, wie ihr Vater sie die Treppe hinuntertrug, um Schutz zu suchen. Heute sieht sie, wie ihre eigenen Kinder in derselben Situation aufwachsen. Das sind keine Einzelfälle. Es ist die Realität für Millionen von Menschen, die jahrelange Konflikte, wirtschaftlichen Zusammenbruch und wiederholte Vertreibung erdulden mussten. Humanitäre Hilfe sorgt für Nahrung, Unterkunft und lebenswichtige Versorgung, aber sie gibt den Menschen auch etwas ebenso Wichtiges: die Chance, ihre Würde zu bewahren, ihre Familien zu schützen und an der Hoffnung auf eine Zukunft festzuhalten, die über das bloße Überleben hinausgeht.“

Ein Auto auf einer Straße.

Nada, 55, Mutter einer 12-jährigen Tochter aus dem Südlibanon

Sie ist nach Beirut geflohen und kehrte in den Süden zurück – näher an ihre Heimat, da sie nicht mehr in ihr eigenes Dorf zurückkehren kann:

„Mein Mann ist bei einem Luftangriff ums Leben gekommen. Mir fehlen die Worte, um meine Gefühle zu beschreiben. Ich versuche, meine eigenen Gefühle beiseite zu schieben, da sie für mich im Moment keine Priorität haben. Ich muss mich um meine Tochter kümmern.

Wir sind nach Beirut geflohen, aber die Miete war so hoch, dass wir nicht länger bleiben konnten. Hier gibt es keine geöffneten Supermärkte, und ich muss 20 Minuten mit dem Auto fahren, um irgendwo Lebensmittel zu finden.“

Ein Kindersitz inmitten von Trümmerteilen.

Anwar, 56, Vater von vier Kindern, im Ruhestand

Er versucht, als Landwirt zu arbeiten, um zu überleben, und lebt in einem Dorf im Südlibanon:

„Meine Kinder haben große Angst. Wir konnten alle Luftangriffe hören, und sie waren so verängstigt, dass sie nicht schlafen konnten und die ganze Zeit unter Stress standen. Wir hören immer noch die Luftangriffe, manche sind weit entfernt, aber wir sind stets in Alarmbereitschaft und bereit, jeden Moment zu fliehen.

Ich habe Notfalltaschen gepackt und bereitgestellt. Ich habe Küchenutensilien wie Gabeln, Löffel, Teller und genug Konserven für zehn Tage eingepackt, denn ich kann es mir nicht leisten, all das noch einmal zu kaufen, wenn wir fliehen müssen. Ich kann mir nicht einmal ein Butterbrot für meine Kinder leisten.“

Ein zerstörtes Gebäude im Libanon.

Dana*, 37, Mutter von drei Töchtern (10, 13 und 15), 

Lebt in den südlichen Stadtteilen von Beirut, die stark von Luftangriffen betroffen waren, und nimmt an einem von CARE finanzierten Projekt der Partnerorganisation SIDC teil:

„Ich brauchte Hilfe und fand sie in den psychologischen Beratungsgesprächen von SIDC. Jetzt habe ich wieder Hoffnung. Das Leben im südlichen Stadtteil von Beirut ist während des Krieges sehr beängstigend. Wir hören alles, und ich habe nicht die finanziellen Mittel, um zu fliehen. Wir haben auch keine Schutzräume oder sichere Bereiche.

Im ganzen Haus herrscht die gleiche Intensität, und es gibt keinen Ort, an dem man sich verstecken kann. Ich habe zu große Angst, um das Haus zu verlassen, deshalb bleiben meine Kinder meistens zu Hause. Aber wenn ich das Haus verlassen muss, habe ich ständig Angst. Was, wenn es wieder einen Luftangriff gibt? Was, wenn ich nicht nach Hause zurückkehren kann? Was, wenn mein Haus und meine Kinder nicht mehr da sind, wenn ich nach Hause komme? Dieser innere Monolog begleitet mich ständig, sobald ich aus der Tür trete. Während der Luftangriffe versuche ich, mich und meine Mädchen zu beschäftigen. Wir hören Musik. Das hilft vor allem der Jüngsten. Ein Lied, das sie am liebsten immer wieder hört, lautet: „In meinem Haus ist ein Eichhörnchen, es hat an die Tür geklopft.“ Oder wir schauen uns Fitnessübungen auf YouTube an und machen sie nach. Aber das nimmt uns den Schrecken dieses Krieges nicht.“

Ihre Spende unterstützt die Arbeit von humanitären Helfer:innen wie Hiba oder Eliane.

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